"Seelenwelten" - Programm
Wie unter dem Himmel wandeln die Irrdischen alle
Hölderlins Leben und Werk
Eröffnungsveranstalltung
17. September
11.00 Uhr
Ratsaal
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Nach den verfügbaren Quellen haben wir Grund zu der Annahme, dass der Dichter Friedrich Hölderlin in der Mitte seines Lebens in psychotischer Weise aus dem Gleichgewicht kam und sich nicht wieder völlig davon erholte. Thomas Kellers Vortrag zeichnet die zwei Hälften dieses Lebens nach und versucht, in verstehender Weise die möglichen Grundlagen und Beweggründe sowohl der Entwicklung in die Psychose wie auch des Verharrens darin zu erhellen. Dabei spielen Hölderlins Beziehungen zu sich selbst und zu den für ihn wichtigen Anderen eine zentrale Rolle: die leidgeprüfte Mutter, die früh verlorenen Väter, die Berufung zur Dichtkunst und die Sehnsucht nach Anerkennung, die republikanischen Rebellen, die großen Dichter, die Liebe seines Lebens, die damalige Wissenschaft über seelische Erkrankungen und schließlich die Familie Zimmer, die sich seiner bis zu seinem Tode liebevoll annahm.
Das Solinger Musikerpaar Truike van der Poel (Mezzosopran) und J. Marc Reichow (Klavier) hat eine Auswahl der faszinierendsten Hölderlin-Vertonungen des 20. Jahrhunderts getroffen: Lieder aus dem Opus 1 des jungen Stefan Wolpe (Avantgarde aus der Zeit der Weimarer Republik), Hanns Eislers fragmentierenden Blick aus dem Exil auf den in der Heimat nationalistisch vereinnahmten Dichter, aber auch die ins Extrem getriebenen spätexpressionistischen Fragmente von Wolfgang Rihm, eine beinahe impressionistische Vertonung des jüngst verstorbenen Altmeisters György Ligeti und schließlich Henri Pousseurs "mnemosyne", die Hölderlins Gedanken auf der Ebene der Kompositionstechnik fortführt - oder weiterspinnt?
Thomas Keller ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie sowie für Psychotherapeutische Medizin, Chefarzt der Abteilung Allgemeine Psychiatrie 3 – zuständig u. a. für Solingen – in den Rheinischen Kliniken Langenfeld. Er hat über Hölderlins Leben und seine psychische Erkrankung geforscht und veröffentlicht.
Truike van der Poel, geboren in Hillegom/NL, nach Studium der Altphilologie (in Leiden) Musikstudium (Gesang und Chorleitung) in Den Haag und Rotterdam, Lehrtätigkeit in Hannover und Projekte in den wichtigsten Vokalensembles, heute freiberuflich als Gesangssolistin tätig. Solistische Auftritte auf Festivals der Neuen wie Alten Musik in ganz Europa, zahlreiche Uraufführungen und CD-Produktionen. Mitglied der SCHOLA HEIDELBERG, regelmäßige Mitwirkung bei den Stuttgarter Vokalsolisten und im Balthasar Neumann Ensemble. Im Bereich des Neuen Musiktheaters insbesondere Zusammenarbeit mit der Kölner Komponistin Carola Bauckholt (u.a. Uraufführung bei der nächsten Münchner Biennale für Neues Musiktheater).
J. Marc Reichow, geboren 1966 in Solingen, studierte Klavier in Köln und Den Haag und spezialisierte sich nach seinem “modernen” Konzertexamen 1992 auch auf das historische Hammerklavier, auf dem er vier Jahre später ein weiteres Konzertexamen ablegte. Seitdem internationale Konzert- und Aufnahmetätigkeit sowohl im Bereich der Neuen Musik (Ersteinspielungen, Uraufführungen, CD-Debüt PianoPortrait Ernst Krenek im Jahr 2000) wie der Alten Musik (Gewinn des Concours Musica Antiqua in Brügge 1996 mit seinem Ensemble Trio Eroica). Als Pianist des KlangForum Heidelberg maßgeblich an der Konzeption und musikalischen Verwirklichung des "Projekt Prinzhorn" beteiligt, der Vertonung von Texten psychiatrischer Patienten aus der Sammlung Prinzhorn (Heidelberg) in Kompositionsaufträgen an junge Komponisten.