"Seelenwelten" - Programm
Ritzen von Walter Kohl
Aufführung des Jungen Theaters Leverkusen
Regie: Markus Höller, Darstellerin: Bettina Storm
15. Dezember 2006
19.00 Uhr
Forum der VHS
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Ritzen - schon der Titel klingt knallhart. Das Thema, um das es geht, ist allerdings ein noch härteres: Selbstverletzung.
Das Junge Theater Leverkusen versucht mit dem von Walter Kohl geschriebenen Monolog sehr erfolgreich, dieses Thema besprechbar zu machen.
Was wir zu sehen bekommen, ist schlicht gehalten. Ein junges Mädchen in weißer Anstaltskleidung ist gefangen in einem mit Folie ausgekleideten Raum. Es könnte ihr Zimmer zu Hause sein oder eine Gummizelle, je nachdem wie die aus Erinnerungen und Gegenwartsmomenten zusammengesetzte Handlung es braucht. Dieses Mädchen, Fritzi, ist vierzehn, und erzählt in die sie umgebende Leere hinein von der Leere in ihrem Körper. Immer wurde ihr Leben von Anderen gewaltvoll bestimmt: Ihr HIV-kranker Freund schlief mit ihr, ohne sie zu schützen, ihre Mutter hatte ständig neue Affären, sie wurde vergewaltigt, die Liste der Misshandlungen scheint endlos. Dennoch zählt Fritzi (gespielt von Bettina Storm) teilweise scheinbar gleichgültig all diese Demütigungen auf. Sie ist abgestumpft, gefühllos geworden, und das ist vielleicht das schlimmste ihrer Leiden. Das einzige Mittel, das sie hat, etwas von sich und der Welt zu fühlen, ist das Ritzen ihrer Haut. Erst wenn sie Blut sieht, weiß sie, dass sie noch am Leben ist.
Die Regie von Markus Höller soll es uns ermöglichen, das Unfassbare zu fassen. Er zeigt dieses Mädchen völlig schnörkellos in aller Härte und Klarheit. Messerscharf, möchte man sagen. Und obwohl der Text viel zwischen Zeiten und Zuständen springt, bleibt er durch das naturalistische Spiel von Bettina Storm sehr nachvollziehbar. Wir als Zuschauer leiden mit ihr. Dies ist also kein Stück für schwache Nerven, aber es lohnt sich, nicht schockiert wegzusehen.
Insgesamt ist "Ritzen" ein spannender, lehrreicher und anregender Abend. Hinterher sieht man genauer hin, weiß vielleicht, das merkwürdige Verhalten von Freunden oder Bekannten besser einzuordnen, und fühlt sich genauer informiert über die Möglichkeiten, die man selber hat, in solchen Fällen zu helfen.
Wir zeigen das Theaterstück im Forum der Volkshochschule parallel zur Ausstellung „tagebuch ‚borderline – borderland’“, da häufig ein Zusammenhang zwischen Selbstverletzung und der Borderline-Persönlichkeitsstörung zu bestehen scheint. Nach der Vorstellung findet eine Diskussionsrunde mit Regisseur und Schauspielerin sowie Betroffenen und Fachleuten statt. Hier kann man offene Fragen loswerden und vielleicht auch selber von eigenen Erfahrungen berichten.